Das grösste Vermögen vieler Unternehmer liegt nicht im Depot

Das grösste Vermögen vieler Unternehmer liegt nicht im Depot

Wenn von Vermögen die Rede ist, denken viele Menschen zuerst an Wertschriften, Immobilien oder andere Kapitalanlagen. Auch in der Vermögensberatung stehen diese Vermögenswerte meist im Mittelpunkt. Portfolios werden optimiert, Anlagestrategien überprüft und Vermögen über Generationen strukturiert.

Bei Unternehmerinnen und Unternehmern ist die Ausgangslage jedoch oft eine andere. Der mit Abstand grösste Teil ihres Vermögens liegt nicht im Depot. Er steckt im eigenen Unternehmen. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu – und dennoch wird sie in der Praxis häufig unterschätzt. Denn obwohl das Unternehmen den Vermögensschwerpunkt bildet, richtet sich ein grosser Teil der Beratung auf das Vermögen ausserhalb des Unternehmens. Das eigentliche Kernvermögen bleibt oft weitgehend unbeachtet. Dabei entscheidet gerade seine Entwicklung darüber, wie sich das Gesamtvermögen einer Unternehmerfamilie langfristig entwickelt.

Das Unternehmen ist Vermögen – nicht nur Einkommensquelle

Für viele Unternehmer ist das Unternehmen weit mehr als ein Ort der Wertschöpfung oder die Grundlage ihres Einkommens. Es ist der Vermögenswert, der über Jahrzehnte aufgebaut wurde. In ihm stecken unternehmerische Entscheidungen, investiertes Kapital, persönliche Risiken und oftmals ein grosser Teil des Lebenswerks. Und trotzdem wird das Unternehmen häufig anders betrachtet als andere Vermögenswerte.

Ein Wertschriftendepot wird regelmässig überprüft. Die Vermögensstruktur wird hinterfragt, Risiken werden analysiert und Anpassungen vorgenommen. Beim Unternehmen geschieht dies häufig weniger systematisch, denn meist dominieren operative Fragestellungen den Alltag. Kunden, Mitarbeitende, Investitionen oder Lieferketten beanspruchen die Aufmerksamkeit und die Frage, wie sich der Unternehmenswert langfristig entwickelt, rückt nur allzu oft in den Hintergrund. Dabei ist genau diese Entwicklung entscheidend für den Vermögensaufbau des Eigentümers.

Unternehmenswert wächst nicht automatisch

Viele erfolgreiche Unternehmen erzielen über Jahre solide Gewinne. Daraus entsteht leicht der Eindruck, dass sich auch ihr Unternehmenswert automatisch positiv entwickelt. Doch Gewinn und Unternehmenswert sind nicht dasselbe. Ein Unternehmen kann profitabel sein und gleichzeitig an Attraktivität verlieren. Ebenso kann ein Unternehmen seinen Wert steigern, obwohl kurzfristig erhebliche Investitionen die Ertragslage belasten.

Unternehmenswert entwickelt sich dort, wo ein Unternehmen unabhängiger, robuster und zukunftsfähiger wird. Dazu gehören beispielsweise stabile Führungsstrukturen, wiederkehrende Erträge, eine breite Kundenbasis, klare Prozesse, Innovationsfähigkeit oder eine Organisation, die nicht vollständig vom Unternehmer abhängt. Diese Faktoren bestimmen, wie nachhaltig ein Unternehmen wirtschaftlichen Erfolg erzielen kann – und genau darin liegt der Kern seines Wertes.

Die eigentliche Vermögensentwicklung findet im Unternehmen statt

Wer das Vermögen einer Unternehmerfamilie betrachtet, richtet den Blick häufig auf dessen Verwaltung. Doch bevor Vermögen verwaltet werden kann, muss es entstehen. Bei Unternehmerfamilien geschieht dies in erster Linie im Unternehmen selbst. Jede strategische Entscheidung beeinflusst den Unternehmenswert. Die Wahl neuer Märkte, Investitionen in Digitalisierung, der Aufbau einer zweiten Führungsebene oder die Entwicklung wiederkehrender Geschäftsmodelle wirken nicht nur auf den operativen Erfolg. Sie verändern auch die Qualität des Vermögenswertes Unternehmen.

Damit erhält Unternehmensentwicklung eine zusätzliche Dimension und dient nicht nur der Wettbewerbsfähigkeit oder dem Wachstum. Sie ist gleichzeitig Vermögensentwicklung. Diese Perspektive verändert die Sicht auf unternehmerische Entscheidungen. Viele Investitionen, die kurzfristig Kosten verursachen, schaffen langfristig einen höheren Unternehmenswert und damit einen nachhaltigen Vermögenszuwachs.

Eigentümer denken in Vermögenswerten

Unternehmer treffen täglich operative Entscheidungen aber Eigentümer stellen sich andere Fragen.

  • Welchen Wert schafft das Unternehmen langfristig?
  • Wie abhängig ist der Unternehmenserfolg von einzelnen Personen?
  • Wie attraktiv wäre das Unternehmen für einen Nachfolger oder Investor?
  • Wie widerstandsfähig ist das Geschäftsmodell gegenüber Veränderungen?

Diese Fragen zielen nicht auf das nächste Geschäftsjahr sondern sie richten den Blick auf den Vermögenswert selbst. Gerade deshalb lohnt es sich, zwischen der Rolle des Unternehmers und der Rolle des Eigentümers zu unterscheiden. Während der Unternehmer das Unternehmen führt, entwickelt der Eigentümer einen Vermögenswert. Beide Perspektiven sind wichtig, doch sie führen zu unterschiedlichen Entscheidungen.

Vermögensentwicklung beginnt lange vor einer Nachfolge

Häufig rückt der Unternehmenswert erst dann in den Fokus, wenn eine Nachfolge oder ein Verkauf bevorsteht. Dann werden Unternehmensbewertungen erstellt, Optimierungsmöglichkeiten diskutiert und Käufer oder Nachfolger gesucht. In Wahrheit beginnt die Vermögensentwicklung jedoch viele Jahre früher. Ein Unternehmen lässt sich nicht wenige Monate vor einer Transaktion grundlegend verändern, denn die wesentlichen Werttreiber entstehen über lange Zeiträume. Unternehmenskultur, Führungsqualität, Kundenstruktur oder Marktposition entwickeln sich kontinuierlich.

Wer den Unternehmenswert nachhaltig steigern möchte, muss deshalb frühzeitig beginnen, nicht weil ein Verkauf geplant ist, sondern weil ein hochwertiges Unternehmen unabhängig von jeder Transaktion mehr Handlungsmöglichkeiten eröffnet. Es ist widerstandsfähiger, leichter finanzierbar, attraktiver für Mitarbeitende und eröffnet Eigentümern deutlich mehr Optionen für die Zukunft.

Eine andere Sicht auf Vermögensberatung

Diese Überlegungen werfen auch eine interessante Frage für die Vermögensberatung auf; wenn der grösste Vermögenswert eines Unternehmers im Unternehmen liegt, sollte dieser Vermögenswert dann nicht ebenso selbstverständlich betrachtet werden wie alle anderen Bestandteile des Gesamtvermögens?

Natürlich unterscheidet sich ein Unternehmen grundlegend von einem Wertschriftendepot, denn es lässt sich weder täglich bewerten noch kurzfristig umschichten. Aber gerade deshalb verdient es besondere Aufmerksamkeit, denn die Hebel zur Wertentwicklung liegen nicht an den Kapitalmärkten, sondern in strategischen und unternehmerischen Entscheidungen.

Wer Unternehmerfamilien ganzheitlich begleitet, sollte deshalb nicht nur über die Struktur des Privatvermögens sprechen, sondern auch über die Entwicklung ihres wichtigsten Vermögenswertes. Nicht mit dem Anspruch, das Unternehmen operativ zu führen, sondern mit dem Verständnis, dass nachhaltiger Vermögensaufbau bei Unternehmerfamilien dort beginnt, wo der grösste Teil ihres Vermögens entsteht.

Vermögen entsteht nicht erst nach dem Unternehmen

Viele Unternehmer investieren viel Zeit in die Frage, wie sie ihr Vermögen anlegen, schützen oder an die nächste Generation weitergeben. Auch wenn diese Fragen sehr wichtig sind ist eine andere noch grundlegender; wie entwickelt sich jener Vermögenswert, der den grössten Teil des Familienvermögens überhaupt erst ausmacht?

Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, konzentriert sich Vermögensberatung auf das Ergebnis unternehmerischen Erfolgs – nicht auf dessen wichtigste Quelle. Für Unternehmerfamilien ist das Unternehmen deshalb weit mehr als ein operatives Geschäft; es ist ihr bedeutendster Vermögenswert. Und wer Vermögen langfristig entwickeln möchte, sollte dort beginnen, wo es entsteht.

Christoph Baggenstos
christoph@chbagconsulting.ch
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