Wo Vermögen entsteht – Warum Unternehmenswert zum strategischen Thema für Banken wird

Wo Vermögen entsteht – Warum Unternehmenswert zum strategischen Thema für Banken wird

Die Vermögensberatung von Unternehmerinnen und Unternehmern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark weiterentwickelt. Vermögensstrukturierung, Nachfolgeplanung, Steueroptimierung oder Family Governance gehören heute in vielen Banken selbstverständlich zum Beratungsangebot. Gleichzeitig begleiten Firmenkundenberater Unternehmen bei Finanzierung, Liquidität oder Investitionen. Zwischen diesen beiden Welten besteht jedoch häufig eine Lücke.

Denn das grösste Vermögen vieler Unternehmerfamilien liegt weder im Wertschriftendepot noch in Immobilien oder alternativen Anlagen. Es liegt im eigenen Unternehmen. Und genau dort entsteht der grösste Teil des Vermögens – oder geht verloren. Trotzdem wird der Unternehmenswert im Bankalltag häufig erst dann zum Thema, wenn ein Verkauf, eine Nachfolgeregelung oder eine Unternehmensbewertung ansteht. Dabei ist Unternehmenswert keine Momentaufnahme und auch kein ausschliessliches M&A-Thema. Er ist das Ergebnis strategischer Entscheidungen, organisatorischer Qualität und konsequenter Unternehmensentwicklung über viele Jahre hinweg.

Gerade deshalb lohnt es sich, den Unternehmenswert aus einer anderen Perspektive zu betrachten: nicht als Ergebnis am Ende einer Unternehmerkarriere, sondern als strategische Grösse während der gesamten Unternehmensentwicklung.

Der blinde Fleck in der Unternehmerbetreuung

Die meisten Banken verfügen heute über ausgezeichnete Kompetenzen in zwei Bereichen. Auf der einen Seite begleiten sie Unternehmen bei ihren finanziellen Fragestellungen. Finanzierungen, Cash Management, Zahlungsverkehr oder Absicherung gehören zum klassischen Firmenkundengeschäft. Auf der anderen Seite unterstützen sie Unternehmerfamilien bei der Verwaltung ihres privaten Vermögens. Anlageberatung, Vorsorge, Steuerplanung oder Nachfolgefragen sind etablierte Bestandteile des Wealth Managements.

Beide Bereiche sind professionell organisiert – und dennoch bleibt ein entscheidender Aspekt häufig unbeachtet. Die Entwicklung des Unternehmenswertes liegt genau zwischen diesen beiden Welten. Sie ist weder ausschliesslich Finanzierung noch klassische Vermögensverwaltung. Dennoch entscheidet sie wesentlich darüber, wie sich das Gesamtvermögen einer Unternehmerfamilie entwickelt.

Das Unternehmen ist für viele Eigentümer nicht nur Einkommensquelle oder Arbeitsplatz. Es ist ihr grösster Vermögenswert. Wer dieses Vermögen langfristig entwickeln will, muss sich deshalb zwangsläufig mit den Faktoren beschäftigen, die seinen Wert bestimmen.

Unternehmenswert entsteht nicht beim Verkauf

Noch immer wird Unternehmenswert häufig mit einer Unternehmensbewertung gleichgesetzt. Doch eine Bewertung beantwortet lediglich die Frage, welchen Wert ein Unternehmen zu einem bestimmten Zeitpunkt hat. Sie erklärt nicht, warum dieser Wert entstanden ist oder weshalb er sich künftig verändert. Der eigentliche Unternehmenswert entsteht wesentlich früher.

Er entwickelt sich durch strategische Entscheidungen, durch die Qualität der Organisation, durch stabile Kundenbeziehungen, durch wiederkehrende Erträge, belastbare Führungsstrukturen und die Fähigkeit eines Unternehmens, unabhängig von einzelnen Personen erfolgreich zu funktionieren. Diese Faktoren beeinflussen nicht nur einen möglichen Verkaufspreis. Sie bestimmen auch die Ertragskraft, die Krisenfestigkeit, die Finanzierbarkeit und die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens.

Unternehmenswert ist deshalb keine Kennzahl für den Exit. Er beschreibt die Qualität eines Unternehmens. Wer seinen Unternehmenswert steigert, schafft in der Regel gleichzeitig ein robusteres, produktiveres und besser finanzierbares Unternehmen.

Warum dieses Thema auch Banken betrifft

Für Banken eröffnet diese Perspektive einen interessanten Gedanken. Wenn der Unternehmenswert den grössten Teil des Vermögens vieler Unternehmerfamilien repräsentiert, dann beeinflusst seine Entwicklung unmittelbar die Vermögenssituation ihrer Kunden. Gleichzeitig wirkt sich die Qualität eines Unternehmens auch auf klassische Bankthemen aus.

Ein Unternehmen mit stabilen Cashflows, professionellen Führungsstrukturen, geringer Schlüsselabhängigkeit und klarer strategischer Ausrichtung stellt in der Regel auch ein besseres Kreditrisiko dar. Es verfügt über höhere finanzielle Resilienz und kann Veränderungen erfolgreicher bewältigen. Die Faktoren, welche den Unternehmenswert erhöhen, verbessern häufig gleichzeitig die Kreditqualität.

Damit entsteht eine bemerkenswerte Schnittmenge zwischen Unternehmensentwicklung und Bankgeschäft. Unternehmenswert ist nicht nur für Eigentümer relevant. Er betrifft ebenso Finanzierung, Risikomanagement, Vermögensplanung und Nachfolgeberatung.

Vom Verwalten zum Entwickeln von Vermögen

Traditionell begleiten Banken Vermögen, nachdem es entstanden ist. Sie investieren Kapital, strukturieren Vermögen oder sichern es für kommende Generationen. Bei Unternehmerfamilien stellt sich jedoch eine andere Frage. Wie lässt sich jenes Vermögen entwickeln, das noch immer im Unternehmen gebunden ist?

Diese Frage führt zwangsläufig zur Unternehmensstrategie und zur Eigentümerstrategie. Denn Unternehmenswert entsteht nicht zufällig. Er entsteht dort, wo Eigentümer klare Ziele definieren, strategische Prioritäten setzen und ihr Unternehmen konsequent weiterentwickeln. Die Entwicklung des Unternehmens wird damit selbst zu einem wesentlichen Bestandteil der Vermögensentwicklung.

Für Banken eröffnet sich dadurch eine neue Perspektive. Sie müssen nicht selbst Strategieberatung anbieten oder Unternehmensentwickler werden. Aber sie können erkennen, dass die Qualität des Unternehmens einen direkten Einfluss auf die finanzielle Zukunft ihrer Unternehmerkunden hat. Damit verändert sich auch die Rolle der Bank. Sie begleitet nicht mehr ausschliesslich bestehendes Vermögen, sondern versteht die Mechanismen seiner Entstehung.

Eine strategische Chance für die Unternehmerbetreuung

Viele Banken suchen derzeit nach Möglichkeiten, ihre Beziehungen zu Unternehmerfamilien weiterzuentwickeln. Das ist nachvollziehbar, denn Unternehmer erwarten heute weit mehr als einzelne Finanzprodukte. Sie suchen Sparringspartner, die ihre unternehmerische Realität verstehen und unterschiedliche Themen zusammenführen können. Gerade hier bietet der Unternehmenswert einen interessanten Anknüpfungspunkt.

Er verbindet Finanzierung mit Vermögensplanung, Unternehmensentwicklung mit Nachfolge und Eigentümerinteressen mit langfristiger Vermögensbildung. Wer diese Zusammenhänge versteht, kann Gespräche auf einer anderen Ebene führen. Dies nicht mit dem Ziel, bestehende Beratungsfelder zu ersetzen, sondern um sie sinnvoll miteinander zu verbinden. Die eigentliche Stärke liegt dabei weniger in zusätzlichen Dienstleistungen als in einer erweiterten Perspektive auf den Unternehmer.

Fazit

Unternehmerfamilien unterscheiden sich von anderen vermögenden Kunden in einem entscheidenden Punkt; ihr Vermögen wird nicht in erster Linie verwaltet, sondern täglich im Unternehmen geschaffen. Deshalb genügt es langfristig nicht, nur über Kapitalanlagen, Finanzierungen oder Nachfolgeregelungen zu sprechen. Ebenso wichtig ist die Frage, wodurch der Unternehmenswert überhaupt entsteht und wie er sich nachhaltig entwickeln lässt.

Für Banken bedeutet das keinen grundlegenden Strategiewechsel, wohl aber eine Erweiterung ihres Blickwinkels. Wer Unternehmerfamilien ganzheitlich begleiten möchte, sollte nicht erst dort ansetzen, wo Vermögen angelegt oder übertragen wird, sondern dort, wo es seinen Ursprung hat – im Unternehmen.

Christoph Baggenstos
christoph@chbagconsulting.ch
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